Formbar statt verhärtet - Lernfähig statt prinzipientreu

Newsletter der Pfarrei St. Marien Baesweiler
"Geistlicher Impuls"


Geistlicher Impuls zum Sonntag - 16. August 2026

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Formbar statt verhärtet - lernfähig statt prinzipientreu

Ich frage mich ja wirklich: „Warum hat der Evangelist Matthäus ausgerechnet diese Geschichte aufgeschrieben?“

Ich kenne wirklich keine andere Erzählung der Bibel, in der Jesus so unsympathisch, so hart und lieblos rüberkommt, wie im heutigen Evangelium (Mt 15,21-28). Da kommt eine Frau in ihrer Not zu Jesus und bittet ihn um Hilfe. Und was antwortet Jesus?

Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen.

Sorry, aber das könnte so auch im Parteiprogramm der AfD stehen.
Warum hat Matthäus diese wenig schmeichelhafte Geschichte nicht „unter den Teppich gekehrt“?

Okay, heutzutage, im Zeitalter von Whistleblowern, von sozialen Medien, die alles und jedes in Windeseile um die ganze Welt tragen, von Investigativ-Journalisten, die früher oder später alles herausbekommen -
da kann man nichts wirklich geheim halten, da kommt alles irgendwann und irgendwie ans Licht.
Aber damals?

Wir hätten von dieser ganzen Geschichte doch ganz sicher keine Ahnung, wenn Matthäus sie nicht aufgeschrieben hätte.
Aber warum hat er das getan?
Warum hat er die Szene nicht wenigstens etwa „geschönt“?

Zumal Matthäus ja kein Jesus-Biograph ist, der das ganze Leben in allen Einzelheiten und komplett erzählt. Matthäus ist Missionar, Prediger. Es geht ihm um eine Botschaft, die er rüberbringen will.
Und was wäre dann die Botschaft, ausgerechnet in dieser Geschichte?

Da muss man sicher zunächst einmal sagen: Die Geschichte geht ja gut aus.
Aber das kann nicht der eigentliche Kern, die wirkliche Botschaft sein.

Ich finde: Der eigentliche Kern ist, dass Jesus offensichtlich seine Meinung geändert hat. Man könnte auch sagen: Jesus war lernfähig.
Jetzt könnten Sie mir antworten: Moment mal. Jesus ist doch Gottes Sohn. Jesus ist doch Teil der göttlichen Dreifaltigkeit. Gott ist allwissend. Wie kann dann Jesus lernen, seine Meinung ändern.
Das wäre in der Tat eine spannende Frage, ob Gott seine Meinung ändern kann. Aber das wäre dann eine andere Predigt…

Hier geht es um Jesus. In Jesus ist Gott Mensch geworden, ein richtiger Mensch.
Und zum Menschsein gehört nicht nur (wie wir letzte Woche gesehen haben), dass ein Mensch nicht perfekt ist und nicht perfekt sein kann.
Zum Menschsein gehört auch, dass ein Mensch seine Meinung ändern kann und manchmal ändern muss.
Dass ein Mensch lernen kann und lernfähig bleiben muss ein Leben lang.

Wir loben Menschen, die feste Prinzipien haben und konsequent ihren Weg gehen.
Gewiss, unser Leben braucht feste Standpunkte, eine klare Richtung.
Aber diese konkrete Geschichte um Jesus und die kanaanäische Frau warnt uns vor falscher Prinzipientreue.

Am Anfang geht es Jesus um ein ganz entscheidendes Prinzip des jüdischen Glaubens: Wir, die Juden, sind das von Gott auserwählte Volk.
Das heißt aber im Umkehrschluss auch. Wir ja, die andern nicht.

Das heutige Sonntagsevangelium zeigt: Jesus lernt, dass Gott sich nicht an diese Grenze hält.
Jesus war lernfähig. Jesus war bereit, Standpunkte zu überdenken und zu verändern.
Wenn ich das auf die Spitze treibe, könnte ich auch sagen: Prinzipientreue ist keine christliche Tugend.

Das heißt nicht, dass ich Prinzipien haben darf, vielleicht auch haben muss.
Aber wenn ich mich Christ nenne und auf diesen Christus berufe, muss ich immer auch bereit sein, nicht nur meine eigenen Vorurteile, sondern auch Prinzipien, die ich für heilig und unumstößlich halte, zu überdenken, zu überprüfen und vielleicht auch zu revidieren.

Das gilt für die Kirche, die sich christlich nennt.
Das gilt für unsere Gemeinde.
Das gilt für unsere Vereine und Gruppen.
Und es gilt vor allem für uns selbst.

Der Weg Jesu ging von der Enge zur Weite, von unumstößlichen Prinzipien zum konkreten Menschen, von festen Gesetzen zum Grundgesetz der Liebe.
Die Kirche muss sich immer wieder fragen, ob das auch ihr Weg ist.
Und wir selbst müssen uns immer wieder vergewissern, dass wir selbst auf diesem Weg sind, dem christlichen Weg.

Formbar sein statt verhärtet.
Lernfähig sein statt prinzipientreu.
Das sind christliche Tugenden.

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Die kanaanäische Frau im Evangelium lässt nicht locker,
sie gibt nicht klein bei.

Und du Jesus bleibst nicht bei deiner ersten Meinung,
du zeigst dich zuhörend, beweglich, lernfähig.
Gerade das macht dich mir glaubwürdig:
nicht stur sein, sondern ansprechbar bleiben.

So zeigst du uns:
Christlicher Glaube ist nicht starres Rechthaben.
Er lebt vom Mut, sich korrigieren zu lassen,
und von der Demut, von anderen zu lernen.

Auch wir kennen das: feste Meinungen, schnelle Urteile, harte Prinzipien.
Wir ziehen Grenzen, statt Menschen wirklich wahrzunehmen,
wir pochen auf Recht, statt neu hinzuhören.

Schenke uns den Mut, nicht zu verhärten.
Mach uns lernfähig im Alltag, in Begegnungen,
auch im Streit.
Gib uns einen Glauben, der treu ist -
ohne unbeweglich zu werden.

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Einen schönen Sonntag
wünscht Ihnen
Ihr
Ulrich Lühring